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Archiv der Kategorie Kurzprosa

Guten Morgen Herr Müller

„Guten Morgen, Schatz. Hast Du gut geschlafen?“, begrüßte sie ihren Mann in der Küche und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange.
„Danke my Darling. Wenn es nicht so heiß wäre …, vielleicht sollten wir uns einen Ventilator für`s Schlafzimmer besorgen.“
Er liebkoste ihren Nacken, denn das hatte sie stets gerne.
„Heute Abend, Schatz. Die Kinder kommen.“ Dabei goss sie den Kaffee in die Thermoskanne.
Herr Müller setzte sich an den Frühstückstisch als man schon die Kinder von oben hörte. Thommy neckte seine ältere Schwester, er hatte ihr wieder einmal eine Haarspange entrissen, und lief damit im Flur herum.
„Thommy, gib mir sofort meine Spange! Wir sind sowieso schon spät dran!“
„Hol sie dir doch.“
Lautes Trampeln ließ die Decke leicht vibrieren, dann hörte man Kinderlachen. Sarah wird ihn erwischt haben und ihn durchkitzeln, die Strafe, die ihm jedes Mal blühte, wenn er sich an ihren Sachen heranmachte.
Noch immer lachend kam er die Treppe herunter und handelte sich von seiner Mutter einen leichten Klaps auf den Wertesten ein. Beide grinsten sich an.
„Guten Morgen Papa.“, und setzte sich dabei an seinen Platz.
„Morgen Thommy. Wie sieht es mit der Mathearbeit aus, Junge?“
„Die haben wir noch nicht zurückbekommen.“
„Die Lehrer lassen sich auch immer länger Zeit, früher haben die nicht so lange gebraucht.“
Dann kam auch endlich Sarah die Treppe hinab. „Morgen zusammen. Sag mal, Papa, kannst Du mir die neue >Bonny< heute Abend mitbringen?“
„Mach ich, mein Schatz.“

Er stellte seinen Wagen auf dem Parkplatz der Firma ab und ging auf den kleinen Kiosk zu.
„Guten Morgen, Herr Müller, hier ihre Zeitung.“
„Danke, Lena, doch heute brauche ich noch die >Bonny< für Sarah.“
Die etwas korpulente Inhaberin drehte sich um und suchte nach der Pferdezeitschrift. „Tut mir leid, ich glaube, die habe ich noch nicht ausgepackt. Kann ich sie ihnen für nachher raussuchen?“
„Geht in Ordnung, Lena. Dann komme ich sie in der Mittagspause holen.“, sagte er mit einem kleinen Zucken in seinen Mundwinkeln.
„Bis später, Herr Müller.“
„Bis gleich.“

Bester Laune betrat er den Verwaltungstrakt.
„Guten Morgen, Herr Müller“, begrüßte ihn Tillmann von der Zentrale.
„Alles wieder in Ordnung, Herr Tillmann?“
„Ja, wie ein Wunder, der Arzt gab mir gestern eine Spritze in den Rücken, und nach 2 Stunden konnte ich mich wieder bewegen.“
„Hab ich doch gesagt, nur nicht verzweifeln, das kriegen die wieder hin, ein Hexenschuss ist kein Weltuntergang.“
„Das sind aber höllische Schmerzen, Herr Müller.“
„Ich weiß, ich weiß. Schönen Tag noch, Herr Tillmann.“
„Ihnen auch.“

Vor dem Aufzug standen zwei Frauen aus der Abteilung Kreditoren, als sie Herrn Müller sahen, begrüßten Sie ihn wie aus einem Mund:
„Guten Morgen, Herr Müller.“
„Guten Morgen meine Damen.“, galant ließ er die Beiden in den Fahrstuhl steigen und bediente sie Knöpfe.

Endlich im Vorzimmer seines Büros angekommen, grüßte er seine Sekretärin freundlich.
„Guten Morgen, Herr Müller. Der Kaffee steht schon in ihrem Büro.“, gab sie wie jedem Morgen zur Antwort.
Er ließ sich in seinem Chefsessel fallen, goss sich einen Kaffee ein und nahm sich seine Zeitung vor.

In der Mittagspause sprang er kurz bei Lena rein, um die Zeitschrift seiner Tochter abzuholen und ging dann in die Kantine.
Pünktlich um fünf verließ er sein Büro und machte sich auf den Weg nach Hause.
Sarah stürmte ihm entgegen und entriss ihm sogleich die Pferdezeitschrift.
„Danke, Papa.“, triumphierte sie vergnügt.
Thommy zeigte ihm die Mathematikarbeit, er hatte eine Zwei bekommen.
„Das haben wir gut hingekriegt mein Sohn, üben lohnt sich also doch.“
Später am Abend saßen Manuela und er gemütlich vor dem Fernseher, sie hatten sich eine Flasche >Merlot< genehmigt. Dann gingen sie zu Bett.

Serienmörder gefasst?

Am frühen Morgen hat die Polizei den mutmaßlichen Serienmörder von Z. gefasst. Herr M. befindet sich derzeit in U-Haft und wird im laufe des Tages dem Richter vorgeführt.
Weitere Einzelheiten auf Seite 3

Heidi Hof April 2004

Draußen …

Draußen auf der Sparkassensäule zeigt eine digitale Uhr acht Minuten nach sieben. Ich stehe in einem dieser Steh-Cafés, und vor mir eine Tasse nicht mehr heißem und abgestandenen Kaffee. Nervös beobachte ich die Uhr und greife nach einer Zigarette.
Eine staksige Frau, viel zu groß gewachsen für ihre vierunddreißiger Größe, betritt die Bäckerei, das Kleingeld hält sie in ihrer linken Hand. Sie bestellt zwei Vanille-Stangen und stampft beim Warten leicht mit ihren Füßen auf.
Es ist kalt draußen.
Eine Dame mit Pudel geht vorbei. Ich nehme mir die zweite Zigarette aus der Schachtel und denke an die vergangenen Stunden, die schon bald genauso verschneit und überzogen sind wie der Asphalt.
Deine warmen Hände fühle ich noch auf meinen Brüsten liegen. Die Leidenschaft brodelte in einer Nacht, in dieser Nacht.
Ein Banker bestellt zehn Brötchen, das Tagesangebot für 1 € 99, er sieht wenigstens so aus, mit diesen Klamotten: grauer Anzug, weißes Hemd und gestreifte Krawatte; jene, die ich später noch bei der Reinigung abholen muss.
Ich stecke mir meine dritte Zigarette in den Mund, und danach die Packung in meine Handtasche. Hastig stehe ich auf, im Begriff zu ihm zu gehen, nach Hause, zu ihm und den Kindern.

Heidi Hof Januar 2005

Hoffnung

Heute kehrst du hier ein und morgen bist du schon längst wieder an einem anderen Ort. Du hast das Gefühl, dass die Zeit dahin rast. Doch halt stopp, was ist denn das? Ist da nicht gerade für eine Sekunde, nur für einen Augenblick, die Zeit stehen geblieben?
Wie bei einer Seifenblase in der Luft, und dann lässt der Alltag aus purer Lust die Anordnung der Moleküle zerplatzen: „Und du nicht!“

Dort sitzt ein Alter im rasenden Zug. Er sieht aus dem Fenster, doch er kann nichts sehen, denn er erhascht nur ab und zu ein paar Fetzen, wenn die Bäume vorbei sausen. Und so hat er längst resigniert. Vorbei sind all seine Hoffnungen mit der er einst geboren wurde.
Ich setzte mich zu ihm und wir kommen ins Gespräch. Er erzählt mir vom Leben, und wie es denn wirklich sei zu leben. Ich höre ihm zu und verstehe kein Wort: Begeisterung die in Starrsinn endet, Ideale, die ins Leere verlaufen.

Er hatte eine Liebe, die ein Kind hervorbrachte, und die Freude war groß.  „Um meine Familie zu ernähren musste ich schuften, mein ganzes Leben lang. Alles ist zerbrochen an der Sinnlosigkeit der Zeit. Doch was will man machen? Jetzt sitze ich hier, reise mit dem Wahn in die Endlosigkeit, hinterlasse einen Scherbenhaufen …, nichts bleibt wie es ist. Aus der Traum, es hat sich ausgeträumt. Vorbei!“

Danach senkt er sein Haupt auf seine Brust und erstarrt in der gleichen Resignation, wie ich ihn zuvor fand.

Ich schaue aus dem Fenster: Herrlichste Winterlandschaft.
Dort in der Ferne entdecke ich ein kleines Dorf mit einer Kapelle. Daneben steht ein hell erleuchteter Weihnachtsbaum. In Gedanken sehe ich Kinder, die einen Tanz um den Baum proben und sehnlichst auf den Tag der Geburt ihres Heilands warten. „Oh du fröhliche, oh du selige…“

Nach einiger Zeit ertappe ich mich dabei, dass ich leise Weihnachtslieder summe. In mir steckt so viel Hoffnung und ein ganz besonderer Glaube. Vieles möchte ich angehen, am liebsten die ganze Welt umkrempeln.
Schnell packe ich meine Tasche, denn der Zug hat meine Station erreicht, und am Bahnhof werde ich schon erwartet.

Schneeflocken rieseln und unser Weihnachtsbaum erstrahlt im Vorgarten. Alles ist so herrlich und ich vergaß den Alten.

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